Haare – was fällt einem dazu nur ein? Haarband, Haarreifen, mit etwas Spaß sogar noch „Haarpune“ oder „Haarmonie“. Aber dann wird es auch schon eng, sollte man meinen. Dass Haare, ungeachtet unserer Intuition, jedoch sogar zu einem ganzen Theaterstück dienen, zeigt Simone Saftig mit ihrem Text „herzkopfüber“. Oft wie ein metaphernreiches Poem anmutend, erzählt es die Geschichte von Zizi – und ihrem kindlich-unbedarften Blick auf die Welt. Im Zentrum: die lediglich um- und beschriebene Mutter. In einer Aufzählung à la „Mama ist …“ schlägt uns das Mädchen Lord Voldemort, Glühbirne, Radieschen, Fußball, Hühnerei und Bundeskanzler vor. Eine zunächst seltsame Konstellation, die erst bei genauerem Hinsehen auf ein gemeinsames Drittes verweist, nämlich etwas Glattes und Rundes, womit sowohl der Kopf des Bösewichts aus „Harry Potter“ als auch jener des ehemaligen Regierungschefs Olaf Scholz erklärt wären.
So humorvoll derlei Analogiebildungen erscheinen, verbergen sie doch ein zutiefst ernstes Thema. Denn Zizis Mutter hat Krebs, weswegen ihr die Haare ausfallen. Bisweilen erfasst die Jugendliche Traurigkeit, ein andermal überkommt sie die Wut: Sie „sitzt hier unten im Bauch / Ich stelle mir vor / wie sie da sitzt / am Kamin und ein Feuer macht / aber kein gemütliches Feuer / ein bedrohliches Feuer […] und die Flammen werden zum Kloß / […] Der ist so so schwer / […] Und ist bereit zu explodieren“.
Mit feinem Gespür für Worte und Sentiment gelingt es der 1993 in Düsseldorf geborenen Simone Saftig, die neben ihrem Dasein als Dramatikerin als Literaturwissenschaftlerin und Kulturjournalistin wirkt, die Sprachsuche ihrer Protagonistin zu veranschaulichen. Zizi ringt mit ihren Mitteln um eine Form für das Formlose, Unbegreifbare, schwer Verbalisierbare. Was im inneren Chaos Halt bietet, sind letztlich die Bilder und der unauslotbare Reichtum an Fantasie. Zum Glück gibt es eben auch noch Figuren, die es normalerweise nicht gibt, wie etwa „Hairy Wuschel“, „vielleicht eine Mischung aus Chewbacca, Samson aus der Sesamstraße und Helge Schneider“.
– Björn Hayer, Auswahlgremium KinderStücke 2026