Mutig und beherzt stellen sich die Kinderstücke der vergangenen Jahre den ernsten und bisweilen düsteren Themen unserer Tage, darunter Krieg, Einsamkeit und zunehmenden Krankheiten. Auch Clara Leinemanns „Buddeln“ fügt sich in die Reihe jener Texte und greift mit der Depression als zentralem Sujet ein Leiden auf, mit dem sich mittlerweile viele Jugendliche in Familien konfrontiert sehen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Olm. Sich von der Außenwelt weitestgehend isolierend, gräbt er immer tiefer einen Tunnel, in dem er verschwindet. Für seine beiden besten Freunde, Nao und Melek, ein nur schwer erklärbares Verhalten, nachdem sie seit jeher rege miteinander gespielt haben. Da sie dem bizarren Treiben nicht nur zusehen wollen, begeben sie sich unter der Erde auf die Suche nach ihm. Sie wollen gemeinsam den Weg an die Oberfläche finden. So traurig die Geschichte anmutet, so abenteuerlich ist ihr Verlauf: „Wir rennen vorbei am goldenen Drachen! Und am Rattenkönig und an ihrer riesigen, unterirdischen Stadt und den Flüssen und die Katze faucht und bleibt hinter uns zurück, es ist alles nur ein schrecklicher, schrecklicher Alptraum gewesen, der Riesenmaulwurf streckt noch seine Klauen nach uns aus, aber da ist das Ende des Tunnels“ – und nicht zuletzt ein Funken Hoffnung.
Die 1994 in Köln geborene Autorin, die nach ihrem Studium des Kreativen Schreibens in Hildesheim Prosa-, Dramen- und Hörspieltexte verfasst, legt mit ihrem Werk ein stringent durchkomponiertes Stück vor, das seinen Ausgangspunkt in der Großmetapher des titelgebenden Buddelns nimmt. Es steht für die Einigelung und Abschottung des Ichs in seiner krankhaften Einsamkeit. Als Gegenmittel bringt die Schriftstellerin die Freundschaft in Stellung. Sie trägt dazu bei, den drohenden Selbstverlust Olms, der bereits im Namen die Höhlenexistenz widerspiegelt, aufzuhalten. Der Text bricht damit ein Tabu: Depressionen betreffen nicht nur Erwachsene, auch Jugendlichen können sie im Nacken sitzen.
– Björn Hayer, Auswahlgremium KinderStücke 2026