Auswirkungen der Corona-Schutzmaßnahmen auf den Arbeitsmarkt

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Arbeitslosen nach dem II. und III. Sozialgesetzbuch von Januar 2019 bis Juni 2020

Die Wirtschaft litt stark unter den Corona-Schutzmaßnahmen und einige Bereiche leiden immer noch sehr. Trotz aller Bemühungen seitens Land und Bund: Viele Betriebe mussten auf Kurzarbeit umstellen, andere schicken ihre Mitarbeitenden ins Home-Office, Selbständigen und Freischaffenden brechen die Aufträge und damit die Umsätze weg, nicht Wenigen drohte oder droht der Konkurs. Einige Bereiche sind weniger betroffen, andere sehr viel stärker.

In Deutschland waren im Juni 2020 insgesamt über 2,85 Millionen Menschen arbeitslos. Das sind über eine halbe Million mehr als im März 2020, bevor die Corona-Pandemie das Bundesgebiet in einen Lockdown versetzte. Das entspricht einem Zuwachs von mehr als 22% innerhalb von drei Monaten. Für gewöhnlich sinkt die Arbeitslosenzahl im Frühling um circa 10%.

Einen solch starken Zuwachs gab es bisher noch nicht, selbst während der Wirtschafts- und Bankenkrise 2008/2009. In den vergangenen 15 Jahren betrug der Zuwachs der Arbeitslosenzahl zwischen Dezember und Januar, wenn viele Zeit- und Saison-Arbeitsverträge enden, zwischen 6% und maximal 13%. Eine Ausnahme bilden die Monate von Dezember 2008 bis März 2009: in diesem Zeitraum stieg die Arbeitslosenzahl um etwa 16%.

Auch Mülheim an der Ruhr verzeichnet einen sehr deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahl, wenn auch nicht so stark wie im gesamten Bundesgebiet (siehe Grafik oben). Im März waren insgesamt 6.275 Menschen arbeitslos und im Juni waren es 7.390 Personen, also 1.115 Personen mehr. Das entspricht einem Zuwachs von fast 18% innerhalb dieser drei Monate.

In der Regel haben Personen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, erstmal Anspruch auf Arbeitslosengeld I nach dem III. Sozialgesetzbuch (SGB III). In Mülheim an der Ruhr erhielten im Juni 2.179 Menschen Arbeitslosengeld I, fast 500 Personen mehr im Vergleich zum März 2020 (+30%). Die Voraussetzung dafür ist, dass sie vorher ein Jahr lang sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Erfüllen sie diese Voraussetzung nicht, haben sie Anspruch auf die Grundsicherung nach dem II. Sozialgesetzbuch (SGB II), im Volksmund auch "Hartz IV" genannt. 5.211 arbeitslose Mülheimerinnen und Mülheimer bekamen im Juni 2020 die Grundsicherung nach dem SGB II. Das sind über 600 Personen mehr als im März und entspricht einem Zuwachs von 13%.

Die Arbeitslosenzahlen reichen jedoch nicht aus, um das Ausmaß der Corona-Krise auf die Menge der erwerbsfähigen Personen in Mülheim an der Ruhr zu beschreiben. Betroffen sind zum Beispiel auch alle Personen, die weiterhin angestellt sind und das Kurzarbeitergeld erhalten und auch diejenigen, denen das Gehalt gekürzt wurde, weil sie weniger arbeiten. Diese Menschen haben zwar ihren Arbeitsplatz nicht verloren, wohl aber einen Teil ihres Einkommens. Das Kurzarbeitergeld ist, wie auch das Arbeitslosgengeld I, im III. Sozialgesetzbuch geregelt und umfasst 60% bis knapp 90% des Arbeitslohns, je nach familiärer Situation und Dauer des Kurzarbeitergeldbezugs.

Zwischen März und Juni wurden Deutschlandweit knapp 883.000 Anzeigen auf Kurzarbeitergeld für insgesamt über 12 Millionen Menschen gestellt. Zum Vergleich: Im gesamten Krisenjahr 2009 gingen Anzeigen für 3,3 Millionen Menschen ein. In Mülheim an der Ruhr wurden zwischen März und Juni 1.623 Kurzarbeit-Anzeigen für 16.259 Personen gestellt. In den Monaten davor bewegte sich die Anzeige-Anzahl unterhalb von zehn.

Hier nochmal die Kurzarbeit-Zahlen der vergangenen Monate in der Übersicht:

  • Dezember 2019: 3 Anzeigen für 100 Personen
  • Januar 2020: 4 Anzeigen für 50 Personen
  • Februar 2020: 7 Anzeigen für 50 Personen
  • März 2020: 343 Anzeigen für 3.700 Personen
  • April 2020: 1.101 Anzeigen für 10.280 Personen
  • Mai 2020: 128 Anzeigen für 1.740 Personen
  • Juni 2020: bisher 51 Anzeigen für 540 Personen

Viele dieser Menschen werden sich einschränken müssen, kommen aber klar. Bei anderen reicht das verminderte Einkommen jedoch nicht mehr aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese Menschen sind auf Unterstützungsleistungen angewiesen. Das wird in vielen Fällen auch die Grundsicherung nach dem II. Sozialgesetzbuch sein.

Zur Einschätzung: Im Februar 2020 – also vor der Coronakrise – erhielten etwa 20.100 Mülheimerinnen und Mülheimer diese Grundsicherung. Darunter befanden sich 6.200 Kinder unter 15 Jahren, 4.600 Arbeitslose, 2.100 in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und 3.300 gingen einer Erwerbsarbeit nach, weitere 1.800 befanden sich in der Schule oder in Ausbildung. Bei den restlichen knapp 2.100 Leistungsempfängern handelte es sich um Personen, die entweder gesundheitlich nicht in der Lage waren zu arbeiten, im Elternschutz oder aus anderen Gründen „nicht aktivierbar“ waren. All diese Menschen lebten in circa 9.150 Bedarfsgemeinschaften.

Diese Zahlen werden sich im Laufe des ersten Halbjahres deutlich verändern. Offizielle und endgültige Daten zum Leistungsbezug erscheinen bei der Bundesagentur für Arbeit immer mit einem zeitlichen Verzug von etwa vier Monaten, weshalb die Februar-Angaben die zurzeit aktuellsten verfügbaren Daten sind. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass die Zahl der SGB II-Leistungsbezieher im zweiten Quartal um ca. 1.000 bis 1.500 Personen ansteigt.

Auch das Wohngeld werden mehr Personen in Anspruch nehmen als noch bis Ende 2019, zumal es Anfang 2020 bereits eine Novelle gab wodurch das Wohngeld angehoben wurde. Die Zahl der berechtigten Haushalte ging damit im Januar bereits um ca. 200 nach oben. Die Anzahl der betroffenen Personen stieg von etwa 2.400 im Dezember 2019 auf über 2.800 im April 2020 an und es ist zu vermuten, dass noch mehr Anträge in den Monaten danach gestellt wurden beziehungsweise weiterhin gestellt werden. Es handelt sich dabei um Daten des Sozialamtes nach eigenen Berechnungen. Offizielle Zahlen werden beim Landesstatistikamt – dem IT.NRW – veröffentlich, jedoch nur einmal jährlich zum 31. Dezember. Die dort vorliegenden aktuellen Zahlen stammen vom 31. Dezember 2018.

Alles in allem wird die Anzahl der durch die Corona-Krise betroffenen Personen deutlich nach oben gehen. In Mülheim an der Ruhr ist damit zu rechnen, dass mehrere tausend Menschen von Lohnkürzungen, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen sein werden. Das heißt, viele werden die Grundsicherung nach dem II. Sozialgesetzbuch, das Arbeitslosengeld I oder Wohngeld in Anspruch nehmen müssen und zwar in einem Umfang, wie es bisher selten der Fall war. Die Arbeitslosendaten liegen bereits vor und bestätigen diese Vermutung. Ein kleiner Lichtblick: der Anstieg der Arbeitslosenzahl zwischen Mai und Juni ist mit knapp 3% in Mülheim an der Ruhr wieder relativ gering.

Der Rattenschwanz wird sich erst in den kommenden Monaten offenbaren, zum Beispiel wenn die neuen Daten der Grundsicherung, zur Kurzarbeit oder zum Wohngeld veröffentlicht werden. Es muss auch davon ausgegangen werden, dass viele der Personen, die seit März 2020 Arbeitslosengeld I erhalten, dann ab März 2021 Arbeitslosengeld II erhalten werden, wenn sie nicht wieder eine Arbeit aufnehmen können. Dann wird die Anzahl der Personen, die Grundsicherung nach dem II. Sozialgesetzbuch erhalten nochmal deutlich ansteigen.

Es zeigt sich an den absoluten und relativen Anstiegen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Agentur für Arbeit, im Jobcenter der Stadt Mülheim an der Ruhr und auch in der Wohngeldstelle in den vergangenen Monaten deutlich mehr Anträge bearbeiten mussten als es für gewöhnlich der Fall ist. Der Bereichsleiter der Leistungsgewährung im Jobcenter sagte uns, dass die Anzahl der Anträge auf Grundsicherung in der Regel bei knapp 200 im Monat liegt. In der Corona-Zeit stieg diese Zahl auf etwa 300 pro Monat an, also ein Plus von 50%. Der Dienst lief und läuft weiter und das unter erhöhtem Druck. Alle Mitarbeitenden der Stadtverwaltung waren während der Coronakrise dauerhaft im Einsatz und bis auf Notfallpläne, die Ansteckungsketten unterbrechen sollten, gab es keine Sonderregelungen. Die Kolleginnen und Kollegen erfüllen ihre Pflicht, damit den betroffenen Personen zeitnah jede Unterstützung zukommt, die ihnen zusteht.

 

Quellen:
Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2020): Arbeitsmarktreport.
Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2020): Kreisreport.
Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2020): Angezeigte Kurzarbeit (Zeitreihe Monatszahlen).

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